Tag eins

Überall knackt und raschelt es. Ich höre leise Stimmen, die immer lauter werden. Wo bin ich? Warum verändert sich auf einmal alles? Es war so schön warm und behaglich und sicher. Was ist das? Meine Welt bekommt Risse. Es knackt ungeheuer laut. Plötzlich ändert sich die begrenzt-wohlige Wärme und ein bisher unbekanntes Gefühl breitet sich aus. Meine Schnabelspitze ist über die Grenzen meiner Welt hinausgestoßen. Ich bin schwach, aber ich merke, dass meine Welt mir zu klein geworden ist. Dass ich aus ihr herausbrechen muss. Also kämpfe ich weiter. Stück für Stück pelle ich mich frei.

Die Eierschale, die einzige Welt, die ich kenne, liegt zerbrochen unter mir. Ich sehe nichts. Es ist viel zu hell und meine Augen schmerzen. Es dauert, bis ich mich an das gleißende Licht gewöhne. Ich bin nass und mir ist mulmig zumute. Langsam realisiere ich, dass ich nicht allein bin: Wir sind Tausende. Manche sind bereits geschlüpft, andere stecken noch zur Hälfte in ihrer Schale, wieder andere haben mit der Verwandlung noch gar nicht begonnen. Ihnen geht es genau wie mir und wir alle haben nur einen Gedanken: Mutter! Und obwohl ich vergeblich nach dem warmen, schutzbietenden Platz unter dem Gefieder meiner Mutter suche, ist mir nicht kalt. Tausende Stimmen schreien das Gleiche jahrhundertealte Wort. Es ist unser erster und einziger Gedanke, durch unseren Instinkt vorgegeben. Ohne sie, spüren wir, sind wir dem Tode geweiht. Keine Sicherheit ohne ihr schützendes Gefieder. Kein Weiterkommen ohne ihr generationenerprobtes Wissen. Also machen wir unsere ersten panischen Schritte, werden immer hektischer.

Doch weder ich, noch meine Geschwister sind erfolgreich. Sie ist nicht da. Kein beruhigendes Gurren, das uns sagt, dass alles in Ordnung ist und uns, auf dieser uns unbekannten Welt, willkommen heißt. Ich piepe nur noch schwach, jegliche Kraft ist aus mir gewichen und hat einer vernichtenden Erkenntnis Platz gemacht: Unter Hunderten bin ich allein. Einen Tag alt. Die einzige Aufgabe, die ich hatte, konnte ich nicht erfüllen. Ich bin verzweifelt. Und erschöpft, so erschöpft.

Mein leises Piepen geht im Lärm der nach mir Geschlüpften unter. Bis ich verstumme und mich von den Schreien der anderen in den Schlaf singen lasse.

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